Erzählungen der Bibel


Der Aufbruch aus Ur mit dem Ziel Kanaan (Gen 11,27-32)


Der an die Genealogie Sems anschließende Bibeltext gehört eigentlich bereits zur Abrahamgeschichte. Doch zeigt ein Blick auf einige seiner Aussagen, daß er zugleich auch mit der biblischen Urgeschichte verbunden ist.


11 27 Dies sind die Nachkommen Terachs: Terach zeugte Abram, Nahor und Haran. Haran zeugte Lot. 28 Haran starb zu Lebzeiten seines Vaters Terach in seiner Heimat Ur in Chaldäa. 29 Abram und Nahor verheirateten sich. Die Frau Abrams hieß Sarai, die Frau Nahors Milka; sie war eine Tochter Harans, des Vaters der Milka und Jiska. 30 Sarai aber war unfruchtbar, sie hatte keine Kinder. 31 Terach nahm seinen Sohn Abram, seinen Enkel Lot, den Sohn Harans, und seine Schwiegertochter Sarai, die Frau seines Sohnes Abram, und er ließ sie von Ur in Chaldäa wegziehen, um nach Kanaan auszuwandern. Als sie nach Haran gekommen waren, ließen sie sich dort nieder. 32 Terach wurde zweihundertundfünf Jahre alt, dann starb Terach in Haran.


Der Hinweis auf „Ur in Chaldäa“ ist mehr als eine geographische Notiz. Er verlegt nämlich die Herkunft Abrahams in eine der Wiegen der menschlichen Zivilisation. Denn Ur galt damals als eine Stadt, deren Ursprung bis in unvordenkliche Zeiten zurückreichte, und das Land Chaldäa, wie Mesopotamien zur Zeit, in der die Bibel ihre Endgestalt erhielt, genannt wurde, hielt man für den Ausgangspunkt allen menschlichen Wissens: Zu ihm gehörten als Inbegriff der „Weisheit der Chaldäer“ auch Wahrsagerei, Sterndeutung und Magie, wovon Abraham sich abkehren wird. Siehe den Exkurs „Astronomie und Astrologie im Alten Orient“ auf S. 26 f.


Die Kennzeichnung von Ur als „in Chaldäa“ gelegen ist ein Anachronismus, da das Volk der Chaldäer erst Jahrhunderte nach der Zeit, in der Abraham nach der Bibel gelebt hat, in das südliche Mesopotamien um die Stadt Ur eindrang und dem Gebiet seinen Beinamen gab. Vielleicht wurde aber ganz einfach nur die zur Zeit der Endfassung des Bibeltextes übliche Bezeichnung verwendet, so wie man heute von „Tours in Frankreich“ als Bischofsitz des hl. Martin spricht, obwohl es zu dessen Lebzeiten ein Land dieses Namens noch gar nicht gab.


Die Wanderung Terachs mit seiner Sippe aus Ur hat seltsamerweise als Ziel bereits Kanaan, obwohl dieses Land Abraham erst später von Gott für seine Nachkommen zugesprochen wird (Gen 12,7). Das kann auf ein Versehen zurückgehen, läßt aber auch die Möglichkeit offen, daß der biblische Erzähler darin einen ersten Schritt zur Realisierung von Noachs Weissagung über Kanaans Knechtschaft unter Sem (9,26) sah, die sich durch Israel, das von Abraham abstammt, erfüllen wird.