Das Paradies - Mutmaßungen und Spekulationen der Theologen


Das Alter des ersten Menschenpaares


Nach Augustinus (354-430) und vielen späteren Autoren, die ihm in dieser Meinung folgten, erreichte der nicht von Eltern geborene, sondern aus Erde geformte Adam das Vollalter sogleich nach seiner Erschaffung. Manche nannten dafür ein Alter von 24 oder 30 und 33 Jahre, wie das Alter Jesu zu Beginn seines Auftretens bzw. bei seinem Tode. Noch andere vermuteten, Adam sei wie ein 40, 50 oder gar 70jähriger in die Welt gekommen, im Anschluß an einige Autoren der Antike, die nur dem reifen Alter den Vollgebrauch des freien Willens zugestanden, da dann die Leidenschaften ihre bestimmende Kraft verloren hatten. Über das Alter Evas war man sich wieder einig. Sie sei nämlich zehn Jahre jünger gewesen als Adam, wie dies dem idealen Altersunterschied zwischen Gatten entsprach. Die Diskussion über das Alter des ersten Menschenpaares bei der Übertretung des göttlichen Verbotes hat eine weitreichendere Bedeutung, als es zunächst erscheint. Die frühchristlichen Theologen, wie etwa Irenäus, Ende des 2. Jh. Bischof von Lyon, haben das Menschenpaar im Paradies als ganz junge Menschen angesehen, wohl in Übereinstimmung mit der Auffassung des Judentums jener Zeit. Durch die Rückführung auf kindliche Unerfahrenheit wurde die Verfehlung in ihren Augen zwar nicht entschuldbar. Sie hatte jedoch nicht jenen hochdramatischen Akzent, der für die spätere christliche Auslegung seit dem fünften Jahrhundert vor allem unter dem Einfluß des Kirchenvaters Augustinus typisch wurde. Denn je schöner man das Dasein im Paradies darstellte und je mehr Gaben, Vorzüge und Kenntnisse man den Stammeltern zuschrieb, umso schrecklicher erschien der Ungehorsam gegenüber ihrem Schöpfer und umso gerechtfertigter erschienen die harten Strafen der Mühsale beim Gebären und bei der Arbeit und des Sterbenmüssens, vor allem aber auch der ewigen Höllenqualen, von deren Existenz das Buch Genesis noch nichts gewusst hatte, denen aber nach christlicher Lehre die Nachkommen Adams als Folge der Erbsünde verfallen waren. Nur wenn man unterstellte, daß Adam und Eva als erwachsene Menschen im Vollbesitz ihrer Urteilskraft gegen das göttliche Verbot rebellierten, um sich aus Stolz Gott gleichzusetzen, erschien ihre Schuld als eine ungeheuerliche Beleidigung der göttlichen Majestät, als ein geradezu titanenhafter Trotz, der voll Hochmut gegen Gott ankämpfte, wie dies in Predigt und Katechese nur allzu oft in den schwärzesten Farben gemalt wurde.